Zu Ostern feiern wir die Auferstehung des Gekreuzigten. Das Verständnis für diese zentrale christliche Botschaft schwindet in unserer Gesellschaft, bleibt aber die Grundlage unserer Hoffnung.
Als ob der nach wie vor entsetzliche Krieg in der Ukraine, die schrecklichen Geschehnisse in Gaza, die wirren Aktionen eines amerikanischen Präsidenten und viele andere Krisenphänomene unserer Zeit nicht schon genug Ängste und Sorgen ausgelöst hätten. Mit dem Krieg der USA und Israel gegen den Iran hat sich die Spirale der Gewalt weiter und weiter gedreht. Die permanente Konfrontation mit diesen Geschehnissen über die verschiedenen Medienkanäle erzeugt ein Gefühl des Ausgeliefertseins, ein Gefühl der Ohnmacht. Wir sind verunsichert und fühlen uns wie gelähmt.
In verstörender Gleichzeitigkeit feiern wir in diesen Tagen das Osterfest. Für viele Zeitgenossen unserer säkular gewordenen Welt ein willkommenes Fest im Frühling, ohne religiösen Hintergrund, mit einer Reihe von arbeitsfreien Tagen, verbunden mit Reisen und Feiern im Kreis der Familie. Das hat auch alles seine Berechtigung. Als Christen ist uns aber von Ostern her ein anderer Blick geschenkt. Konfrontiert mit dem Mysterium iniquitatis, wie Paulus im Thessalonicherbrief dieses Geheimnis des Bösen genannt hat, konfrontiert mit den Wirrnissen und Leiden der unschuldigen Opfer, feiern Christen zu Ostern die leibliche Auferstehung des Herren. Eigentlich ein unerhörter Vorgang, der alle unsere Selbstverständlichkeiten und Gewissheiten durchbricht. Selbst die Jünger Jesu waren verwirrt und voller Zweifel.
Die Botschaft von der Auferstehung lässt ein besonderes Licht auch auf die Geschehnisse unserer Welt fallen. In diesem Licht wird uns zugesagt, dass es Hoffnung auch in einer Welt gibt, die durch Tod und vielfältiges Leiden gekennzeichnet ist. Es ist die Hoffnung, dass durch Gott die ungerecht Leidenden, die vergessenen Opfer und die Toten gerechtfertigt und zu neuem Leben erweckt werden. Die Täter triumphieren nicht auf immer über ihre Opfer. Der Glaube an die Auferstehung hat also durchaus auch eine politische Dimension. Ein in unserer zunehmend säkularisierten Gesellschaft schwindendes Verständnis von Auferstehung hat deshalb auch Folgen. Der kürzlich verstorbene Philosoph Jürgen Habermas, der sich selbst als religiös unmusikalisch bezeichnet hat, meinte, dass die verlorene Hoffnung auf Auferstehung eine spürbare Leere in der Gesellschaft hinterlasse.
Der Dichter und evangelische Pfarrer Kurt Marti hat diese Dimension in einem Gedicht zum Ausdruck gebracht. „Anderes Osterlied“ ist es überschrieben. Ein Auszug daraus:
“Das könnte den Herren der Welt ja so passen, wenn hier auf der Erde stets alles so bliebe, wenn hier die Herrschaft der Herren, wenn hier die Knechtschaft der Knechte so weiterginge wie immer.
Doch ist der Befreier vom Tod auferstanden, ist schon auferstanden und ruft uns jetzt alle zur Auferstehung auf Erden, zum Aufstand gegen die Herren, die mit dem Tod uns regieren.”
Lukas berichtet im Evangeliumsabschnitt, der am Ostermontag gelesen wird, von den beiden Jüngern und deren Begegnung mit dem Auferstandenen. Sie sind von den Geschehnissen noch wie gelähmt und erkennen den „Fremden“ zunächst nicht. Erst als er das Brot mit ihnen brach, erkannten sie ihn. „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?“ (Lk. 24,32). Brennt auch unser Herz und das Herz der Kirche noch genügend für die Botschaft der Auferstehung, um diese unserer Welt weiterhin vermitteln zu können?

