14. Juni 2023

"Sorge tragen für das gemeinsame Haus..." Tagung des Katholischen Forums

Tagung des Katholischen Forums in Zusammenarbeit mit der Cusanus- Akademie und dem Katholischen Sonntagsblatt
am Samstag, 11. November 2023, Cusanus-Akademie Brixen

Unsere Lebensweise in der Welt des scheinbar unbeschränkten Konsums und schnellen Verbrauchs, der digitalen Verbundenheit und gleichzeitiger sozialer Vereinzelung, der ökologischen Krisen und der gesellschaftlichen Orientierungslosigkeit ist fragwürdig geworden. Papst Franziskus benennt in seinen Enzykliken Laudato sii und Fratelli tutti in eindringlichen Worten die Erde als unser gemeinsames Haus und Leihgabe Gottes an alle Menschen. Er schreibt: „Sorge tragen für die Welt, die uns umgibt und uns erhält, bedeutet Sorge tragen für uns selbst. Wir müssen uns aber zusammenschließen in einem Wir, welches das gemeinsame Haus bewohnt.“ (Fratelli tutti, 17)

„Sorge zu tragen für das gemeinsame Haus“: Es geht um eine fürsorgliche Haltung, eine Haltung der Wertschätzung dem Anderen gegenüber, eine Haltung der Gastfreundschaft und der Geschwisterlichkeit, den Grundlagen einer menschlichen Gesellschaft. Es geht auch um die Unterstützung der politischen und gesellschaftlichen Anstrengungen, gemeinschaftlich die Grenzen dafür festzulegen für das, was genug ist und deshalb ausreichend und gut für unsere Gesellschaft. Eine einfache Lebensführung, Genügsamkeit, Verzicht und Mäßigung bilden bleibende Orientierung für ein gutes Leben. Sie sind auch Grundlage und Voraussetzung für ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden.

Bei dieser gemeinsam vom Katholischen Forum, der Cusanus-Akademie und dem Katholischen Sonntagsblatt organisierten Tagung wollen wir diese Thematik vertiefen.
Im Eröffnungsreferat wird Martin M. Lintner den Bogen spannen von der Enzyklika Laudato sii zur Enzyklika Fratelli tutti und deren Impuls für eine gastfreundliche Welt herausarbeiten.
Wolfgang Palaver wird daran anknüpfend die Frage nach den Ursachen von Kriegen und Gewalt aufgreifen und den Möglichkeiten und Bedingungen von Frieden und Gerechtigkeit nachspüren.
Doris Helmberger wird die Rolle der öffentlichen und veröffentlichten Sprache, ob in den Medien, in den sozialen Netzwerken oder in der politischen Auseinandersetzung beleuchten und auf dessen Bedeutung für ein gutes Miteinander in unserer Gesellschaft eingehen.

Tagungsablauf

9.00 Uhr: Eröffnung und Begrüßung

9.15 Uhr: Martin M. Lintner: Von Laudato sii zu Fratelli tutti. Impulse für eine gastfreundliche Welt.

10.00 Uhr: Wolfgang Palaver: Im Angesicht von sozialen Konflikten, von Krieg und Gewalt. Sorge tragen für Frieden und Gerechtigkeit.

10.45 -11.15: Pause

11.15 Uhr: Doris Helmberger: Sorge tragen für das öffentliche Wort. Ein kritischer Blick auf Medien und Politik.

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13.30 Uhr: Gesprächsrunden mit den Teilnehmern
14.30 Uhr: Podiumsdiskussion zum Thema: „Sorge tragen für das gemeinsame Haus…“ Was können wir tun? Was müssen wir lassen?

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Referenten:
Martin M. Lintner, P. Martin M. Lintner OSM, ist seit 2009 Professor für Moraltheologie und Spirituelle Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Brixen. Er unterrichtet auch Ethik im Studium generale an der Freien Universität Bozen. Martin M. Lintner ist Mitglied des Landesethikkomitees der Autonomen Provinz Bozen.
Wolfgang Palaver, seit 2002 Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck. Von 2006 bis 2012 leitete er die Arbeitsgemeinschaft „Religion – Politik – Gewalt“ der Österreichischen Forschungsgemeinschaft und von 2007 bis 2011 war er Präsident des „Colloquium on Violence & Religion“. Präsident der kirchlichen Friedensbewegung „Pax Christi“.
Doris Helmberger, Studium der Theologie und Germanistik an der Universität Graz, abgeschlossen mit einer Arbeit über Hans Küng und sein Projekt Weltethos. Seit 2000 Redakteurin bei der österreichischen Wochenzeitung Die Furche für die Ressorts Gesellschaft, Wissenschaft und Bildung. Seit August 2019 Chefredakteurin der Furche.

Diskussionsteilnehmer*innen am Podium: Verena Dariz (OEW) / Eugen Runggaldier (Generalvikar) / Majda Brecelj (Fridays for Future) / Heiner Oberrauch (Unternehmerverband) / Claudia Plaikner (Heimatpflegeverband)

Moderation: Jutta Wieser

14. Juli 2023

Es ist Zeit...

Gemeinsamer Aufruf des Katholischen Forums und der Consulta delle aggregazioni laicali an die Parteien und Kandidat*innen im Hinblick auf die Landtagswahlen 2023

In diesen Wochen werden sich die Kandidatenlisten der verschiedenen Parteien füllen, der Wahlkampf wird uns in den nächsten Monaten begleiten. Das Katholische Forum und die Consulta delle aggregazioni laicali rufen die Kandidat*innen und die wahlwerbenden Parteien dazu auf, sich den wichtigen Fragen der Zeit zu stellen, die politische Auseinandersetzung an wichtigen gesellschaftspolitischen Themen entlang zu führen und gegenseitigen Respekt an den Tag zu legen. Wir laden die Kandidat*innen und die Parteien ein, sich im Wahlkampf in der Formulierung ihrer Wahlprogramme und ihrer politischen Ziele vertieft mit den folgenden Themen zu befassen. Die Herausforderungen, vor denen auch die Gesellschaft in Südtirol steht, sind zu groß, als dass es mit oberflächlichem Geplänkel und üblichem Parteiengezänk getan ist. „Es ist Zeit, dass es Zeit wird. Es ist Zeit.“ (Paul Celan)

Gesellschaftlicher Zusammenhalt
Nicht erst in der Pandemie hat sich gezeigt, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt keine Selbstverständlichkeit ist. Soziale Ungleichheit, die Erfahrung einer wachsenden Gruppe in der Gesellschaft, dass die zum Ausdruck gebrachten Nöte und Schwierigkeiten keine adäquaten politischen Antworten zur Folge haben und zunehmend mangelndes Vertrauen in demokratische Verfahren zur Gestaltung des gesellschaftlichen Miteinanders sind Faktoren, die den gesellschaftlichen Grundkonsens in Frage stellen und gefährden. Die Bereitschaft, die Nöte der Benachteiligten, die Sorgen der wirtschaftlich Abgehängten und der sozial an den Rand gedrängten ernst zu nehmen, ist Grundvoraussetzung für die Sicherung des sozialen Netzes. Unverzichtbar für ein tragfähiges soziales Netz ist auch die in Südtirol stark verankerte ehrenamtliche Tätigkeit. Sie bildet eine gute Möglichkeit für das Einüben solidarischen Handelns und macht den Wert gesellschaftlichen Zusammenhalts direkt erfahrbar.

Naturkrise
Die alarmierenden wissenschaftlichen Befunde zur Erhitzung der Erde und deren klimatischen Folgen, zur Abnahme der Biodiversität oder zum Ressourcenverbrauch machen eines deutlich: Ein „Weiter so“ kann es auch in Südtirol nicht geben. Bereits vor mehr als fünfzig Jahren hat der Club of Rome auf die Grenzen des Wachstums hingewiesen. Die heute mehr denn je notwendige Diskussion über die Sinnhaftigkeit weiteren Wirtschaftswachstums, über mögliche Alternativen oder die Notwendigkeit einer Abkehr davon ist eine eminent politische Diskussion. Von der Politik, von den politischen Parteien und ihren Vertretern werden ernsthafte Anstrengungen erwartet, die Wachstumsfrage und die Frage nach den notwendigen Begrenzungen, ob im Tourismus, im Energiebereich, in der Landwirtschaft oder im Handel und Verkehr in der politischen Diskussion zu vertiefen und einen gesellschaftlichen Konsens für mögliche Lösungen zu suchen.

Die Sprache in der Politik
Die öffentliche und veröffentlichte Sprache – vielfach verstärkt durch die „neuen“ und die „traditionellen“ Medien – ist ein schonungsloser Indikator für das in der Gesellschaft vorhandene Maß an Wertschätzung und Respekt. Das gilt in besonderem Maße auch für die im politischen Diskurs verwendete Sprache. Wir tun also gut daran, in den kommenden Monaten genau hinzuhören auf die Sprache der wahlwerbenden Parteien und Kandidaten. Wir können darauf achten, ob bei aller politischen Gegnerschaft gegenseitiger Respekt und vielleicht sogar gegenseitige Wertschätzung durchklingt. Wir können die Reden und die Sprache der Politiker und jener, die es werden wollen, daraufhin prüfen, ob die Nöte der Zeit wahrgenommen werden und ob den wichtigen Fragen dazu nicht ausgewichen wird. Die politische Sprache ist ein mächtiges Werkzeug, das in die Gesellschaft hinein wirkt. Dieses Werkzeug kann spalten oder aber zu einer Entgiftung der sprachlichen Verrohung im gesellschaftlichen Diskurs beitragen, am Netz des sozialen Zusammenhalts weiterknüpfen und einer konvivialen Gemeinschaft den Weg bereiten. Auch darauf können wir achten.

Gastfreundschaft
Die Jahrzehnte der Autonomie und der damit verbundenen Gestaltungsmöglichkeiten haben in unserem Land eine Entschärfung bestehender Konflikte und sichtbaren Wohlstand hervorgebracht. Neue Herausforderungen verlangen aber nach einem Weiterdenken des Erreichten. Die ökonomische Durchdringung aller Lebensbereiche, das durchgängig herrschende Kosten-Nutzen-Prinzip führt zu einer Erosion kulturellen und sozialen Reichtums in der Gesellschaft. Die Aushöhlung des Sonntagsschutzes, die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse sind nur zwei besonders sprechende Beispiele dafür. Das Prinzip und die Haltung der Gastfreundschaft hält dem entgegen. Gastfreundschaft gegenüber dem Fremden, dem Anderen, dem Andersdenkenden, den Kindern und Jugendlichen, den sozial Schwachen, den Alten und Kranken, ebenso auch Gastfreundschaft gegenüber anderen Kulturen, anderen Religionen oder gegenüber der Natur hält eine Gesellschaft im Innersten zusammen. Sie kann nicht verordnet und nicht „hergestellt“ werden. Aber sie kann durch politische Entscheidungen und entsprechende Rahmenbedingungen ermutigt und ermöglicht werden. Vielleicht werden wir uns dabei auch wieder bewusst, dass wir selbst auch nur Gast auf Erden sind.

27. Juni 2023

Solidarität mit Prof. P. Martin M. Lintner

Pressemitteilung

Das Katholische Forum ist befremdet und enttäuscht über die Ablehnung von P. Martin Lintner als Dekan der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Brixen.

Es ist kaum zu glauben. Die Nachricht, dass das Dikasterium für die Kultur und die Bildung im Vatikan die Zustimmung zur Ernennung von P. Dr. Martin M. Lintner OSM zum Dekan der Philosophisch-Theologischen Fakultät in Brixen für die Amtsperiode vom 1. September 2023 bis 31. August 2025 verweigert hat, löst Unverständnis und Befremden aus. Als Grund für diesen Akt werden Veröffentlichungen P. Martin Lintners zu Fragen der kirchlichen Sexualmoral angeführt. Da die Lehrbefugnis von P. Martin nicht davon betroffen ist, sehen wir die Vorgangsweise als einen kleinlichen Akt der Bestrafung für „unbotmäßiges Verhalten“ und – was wohl gravierender ist – als Warnung und als einen Akt der Einschüchterung. Letztlich zuständig dafür werden wohl lokale Einflüsterer mit guten Kontakten nach Rom gewesen sein.
Der Auseinandersetzung mit Fragen der Sexualmoral, die seit Jahrzehnten von der Kirche erwartet wird, mit Fragen, die sich viele Gläubige seit langem stellen, ist P. Martin Lintner in seiner Forschung und Lehre nicht aus dem Weg gegangen. Er hat diese Fragen ernst genommen und mit großem Gespür, mit intellektueller und geistlicher Redlichkeit versucht, diese Fragen in einem heutigen Kontext zu bearbeiten und theologisch fundierte Antworten zu geben. Die Vorsitzenden des Katholischen Forums, Sonja Reinstadler und Franz Tutzer, und der gesamte Vorstand sprechen Prof. P. Martin Lintner ihre volle Solidarität aus und ermutigen ihn, seinen Weg der kritischen theologischen Forschung und Lehre im Dienst der Kirche unerschrocken weiterzugehen.

23. März 2023

Pressemitteilung zum Bericht des Weltklimarats

Ökologische Konversion muss ernst genommen werden

Die fortschreitende Erderhitzung ist ein schonungsloser Indikator, der nicht mehr kleingeredet werden darf, betonen die Vorsitzenden des Katholischen Forums, Sonja Reinstadler und Franz Tutzer.

Der jüngste Bericht des Weltklimarats (IPCC) bringt keine Entwarnung, im Gegenteil. Die Erderhitzung, so die ernüchternde Erkenntnis der großen Forschergruppe des Weltklimarats, geht weiter. Ohne tiefgreifende und schnelle Verringerung der klimaschädlichen Treibhausgasemissionen wird noch in diesem Jahrzehnt das 1,5-Grad-Limit überschritten werden, so eine zentrale Aussage in diesem Bericht. Die Folgen einer Überschreitung der 1,5-Grad-Grenze sind bekannt: Zunahme der Extremwetterereignisse, Ernteausfälle, Störung der Wasserkreisläufe, Dürren, Zerstörung ganzer Öko-Systeme und erzwungene Migration. Die Ursachen für die Erderhitzung sind inzwischen hinlänglich bekannt: es sind die von der westlichen Welt seit Jahrzehnten vorangetriebenen industriellen Produktionssysteme auf Basis fossiler Energie und der damit verbundene, auf ständig steigendem Konsum von Waren und Dienstleistungen beruhende Lebensstil. Die Länder des globalen Südens sind nur marginal daran beteiligt, nach wie vor verursachen die wohlhabenden Länder einen Großteil der Treibhausemmissionen, die Folgen der Erderhitzung jedoch tragen zunächst vor allem die Armen der Welt. Langsam aber sicher werden die Folgen einer erhitzten Atmosphäre auch in unseren Breiten spürbar. Lang anhaltende Trockenzeiten und Wassermangel sind deutliche Warnsignale, die wir nicht mehr kleinreden können.

Das Katholische Forum, das Netzwerk engagierter Christinnen und Christen aus 15 Vereinen und Organisationen, erinnert deshalb an die Einladung von Papst Franziskus „Sorge zu tragen für das gemeinsame Haus“ (Laudato sii) und fordert die Landespolitik, die Südtiroler Wirtschaft, die Kirche und die Zivilgesellschaft auf, in ihrem jeweiligen Einflussbereich vom „Weiter so“, vom bloßen Reden ins Handeln zu kommen, das den Warnungen des Weltklimarats gerecht wird. Es geht um nicht weniger als um ein Umdenken, eine ökologische Konversion, weg von einer immer noch wachstumsorientierten Wirtschaftsorganisation hin zu einer demokratisch legitimierten Selbstbegrenzung. Warnende Stimmen hat es in unserem Land schon sehr früh gegeben. Wir erinnern an Bischof Karl Golser, dem die Bewahrung der Schöpfung ein besonderes Anliegen war. Wir erinnern auch an Alexander Langer, der bereits vor mehr als dreißig Jahren die Notwendigkeit einer solchen ökologischen Konversion in unglaublicher Weitsicht angemahnt hat. Ihre Stimme und ihre Botschaft, so die Vorsitzenden des Katholischen Forums, können Orientierung bieten für das heute notendige politische und persönliche Handeln.

23. März 2023

Aus der Mitgliederversammlung: Wahl des Vorstands

Am 6. Februar haben sich die Vertreter*innen der Mitgliedsorganisationen des Katholischen Forums zur jährlichen Versammlung getroffen. Auf der Tagesordnung standen neben dem Tätigkeitsbericht des Vorstands und dem Kassabericht auch die nach drei Jahren fällig gewordene Wahl des Vorstands.
Auf Nachfrage der Vertreter*innen der Mitgliedsorganisationen erklärten sich die beiden Vorsitzenden Sonja Reinstadler und Franz Tutzer bereit, weiterhin für diese Funktion zur Verfügung zu stehen. Ebenso erklärten sich die Vorstandsmitglieder Angelika Mitterrutzner, Roland Feichter und Irene Vieider bereit, für die nächsten drei Jahre im Vorstand mitzuarbeiten. Vorstandsmitglied Gerhard Duregger und der geistliche Assistent Daniel Donner erklärten, aus persönlichen und beruflichen Gründen nicht mehr für den Vorstand bzw. für die Funktion des geistlichen Assistenten zur Verfügung zu stehen. Die Mitgliederversammlung bestätigte einstimmig Sonja Reinstadler und Franz Tutzer als Vorsitzende sowie Irene Vieider, Angelika Mitterrutzner und Roland Feichter als Vorstandmitglieder. Neu hinzukommt als Vorstandsmitglied Werner Atz.

7. März 2023

Ein Manifest der 80Jährigen

Im Herbst 2022 war Marianne Gronemeyer Referentin auf der Tagung des Katholischen Forums. Reimer Gronemeyer hielt ebenfalls im Herbst 2022 auf Einladung des Katholischen Sonntagsblatts einen Vortrag zum Thema “Die Schwachen zuerst”. Nun haben sie ein Manifest zum Krieg in der Ukraine verfasst. Ein Impuls zum Nachdenken.

Ein Manifest der Achtzigjährigen
Die Stimme der Kriegskinder zum Krieg in der Ukraine.

„O Gottes Engel wehre und rede Du darein!
S’ist leider Krieg, und ich begehre
Nicht Schuld daran zu sein.
Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blass,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was? Mathias Claudius

Unsere Stimme wird in dieser Abenddämmerung unseres Lebens leiser. Das Leise-Werden gebührt uns, es gehört zu den Tugenden des Alters. Was uns nicht gebührt, ist, dass wir resigniert verstummen. Denn wir sind Euch Jüngeren schuldig, dass wir den Mund aufmachen, nicht um Euch zu beruhigen, sondern um Euch zu beunruhigen; und wir sprechen zu Euch, nicht weil wir vor Altersweisheit strotzen, sondern weil wir die Erfahrung des Krieges, die sich uns in den Bombennächten einprägte, ein Leben lang mit uns herumgetragen haben. Das Wort ‚Krieg‘ ist in aller Munde, und es ist beängstigend, wie geschmeidig es sich in das tägliche Sammelsurium der Nachrichten einfügt, als sei ‚Krieg‘ ein Gegenstand wie jeder andere.

Unsere Vorstellungen vom Krieg, entstehen nicht aus den wirkmächtigen Bildern, die uns auf unseren kleinen und großen Bildschirmen aufgetischt werden. Sie tauchen, ob wir wollen oder nicht, auf aus unseren leibhaftigen Erinnerungen und können nicht Ruhe geben: Das Heulen der Sirenen, das die Bomben ankündigte, die Trümmer ein paar Häuser weiter, in denen wir bei Strafe nicht spielen durften wegen der Blindgänger und der Einsturzgefahr; die Bunker, in die wir beinah jede Nacht gebracht wurden und in denen wir dichtgedrängt beieinander saßen; das Entsetzen, wenn nahebei eine Bombe niederging und der ganze Bunker wackelte; und die Finsternis, wenn das Licht erlosch und nur noch ein auf die Wand aufgetragenes Phosphorquadrat eine Illusion von Licht aufrechterhielt; die Sorge, ob das Haus, in dem wir wohnten, noch stand, wenn wir nach dem Bombenangriff aus dem Bunker ‚nachhause‘ gingen; das Kind, das sich in panischer Angst mit Händen und Füßen dagegen wehrte, die Gasmaske aufzuprobieren und die Mutter, die nicht vermochte, ihrem Kind um seiner Sicherheit willen diese Gewalt anzutun; der Hunger, der wehtat; und die Rivalität der Geschwister um das karge Brot; die Frostbeulen, die juckten, aber nicht gekratzt werden durften, weil sie nicht heilten.

Unsere Erfahrung vom Kriegsgeschehen reicht über die Kindheitserlebnisse nicht hinaus, aber das genügt, um uns mit den getöteten, verwundeten und verängstigten Kindern in der Ukraine verbunden zu fühlen und es macht es uns unmöglich, über ihre Leiden hinwegzusehen. Je länger dieser Krieg dauert, desto mehr wird ihr Leben von ihren Kriegserfahrungen beherrscht sein, sie werden, wie wir, Kriegskinder sein. Sie haben keine Stimme, um das Schweigen der Waffen und den Weg der Verhandlungen einzufordern. Wir tun das an ihrer Statt, und wir tun es auch um unserer eigenen Angst vor einer nuklearen Eskalation willen, für die niemandes – wirklich niemandes – Vorstellungsvermögen reicht.

Wie wir später erfuhren, gehörten wir auf die Seite der Angreifer in diesem verbrecherischen Krieg – und waren doch seine Opfer. Und wir mussten lernen, dass die Bombeneinschläge, vor denen wir uns so gefürchtet haben, dem Terrorregime des Hitlerfaschismus ein Ende setzten. Millionen Soldaten, US-amerikanische, sowjetische, britische, französische haben dabei ihr Leben gelassen. Mit dem Widerspruch, dass die, die uns bombardierten, zugleich unsere Befreier waren, mussten diejenigen unter uns, die sich zum Pazifismus bekannten, leben. Zwei berühmte Pazifisten des Ersten Weltkriegs, Albert Einstein und Bertrand Russel „haben sich mit guten Gründen für den alliierten Krieg gegen Hitler-Deutschland ausgesprochen. In dieser dramatischen historischen Situation, in der das Überleben der Menschlichkeit auf der Kippe stand, … machten beide schweren Herzens und voller Überzeugung“ die eine, einzige Ausnahme von ihrem Pazifismus. Nach Kriegsende verstanden sie sich weiter als Pazifisten und „ergriffen wieder und wieder das Wort gegen Koreakrieg, Hochrüstung und Atomkriegsgefahr.“ (Olaf Müller)

Wir fürchten uns vor den Furchtlosen, die erst den Krieg gewinnen wollen, um dann Frieden zu machen. Aber Sieg‘ reimt sich mit ‚Krieg‘, nicht mit ‚Frieden‘. Der Frieden unterstehe uns nicht, sagt Eugen Rosenstock-Huessy: „Er ist nur dem verheißen, der sich nach ihm sehnt. Das begreift kein Planer. Trotzdem ist es wahr: Friede ohne vorhergehende Sehnsucht kann nicht kommen.“ Und er fügt hinzu: „Wo die Menschen sprachlich veröden, droht Krieg. Kalter Krieg meinetwegen. Aber Friede heißt miteinander sprechen.“

Woher soll die Friedenssehnsucht aber kommen in unserem Land, in dem die öffentliche Meinung nach allen Regeln des medialen Know-how darauf eingeschworen wird zu glauben, man könne und müsse gegen eine Atommacht einen Sieg erfechten, um eine günstige Ausgangsposition für das dann erst mögliche Gespräch zu haben? Dass sich die ‚Hoffnung‘ auf ein friedliches – wenn schon nicht Miteinander, so doch wenigstens – Nebeneinander auf immer monströsere Maschinen richtet, deren letzter Daseinszweck darin besteht, zu töten und zu zerstören, macht uns fassungslos. Um dieser pervertierten Hoffnung Geltung zu verschaffen, wird die Hoffnung auf Versöhnung als Ideologie der Schwächlinge diffamiert. Ohne alles Bedenken, ohne Trauer, ohne entsetztes Innehalten wird in dieser ‚Zeitenwende‘ die große Tradition der Friedensstifter für indiskutabel erklärt. Die jesuanische Botschaft von der Feindesliebe, die Gewaltlosigkeit, der Gandhi mit dem Salzmarsch ein politisches Gesicht gab, der zivile Ungehorsam, zu dem Martin Luther King die Unterdrückten ermutigte. Aber auch der Pazifismus Albert Einsteins, Bertrand Russels, Dietrich Bonhoeffers und der vielen namenlosen Anderen, die sich ihnen anschlossen und dafür einstanden, oft mit ihrem Leben, wird mit einem Handstreich für erledigt erklärt; und, statt dass ihre Geschichten erzählt werden, werden sie in die Rumpelkammern der Geschichte befördert; mitsamt der ‚Bergpredigt‘, die uns eindringlich ermahnt, alles stehen und liegen zu lassen und der Versöhnung mit dem verfeindeten Nachbarn Vorrang vor allem
anderen zu gewähren.

Wir warnen: Es ist schlecht um die demokratische Zukunft eines Landes bestellt, in dem die „Wortemacher des Krieges“ (Franz Werfel), das Sagen haben. Sie nennen diejenigen, die Bedenken tragen gegen den Einsatz von immer mehr Waffen, verächtlich Zauderer; diejenigen, die Kompromisse erwägen, werden als Verräter, gebrandmarkt, die Vorsichtigen nennen sie feige, die Besorgten schwächlich und die Pazifisten traumduselig, verrückt oder gefährlich. Wirklich gefährlich ist die viel beschworene ‚Geschlossenheit‘, die alle zu Meinungskomplizen macht. Ohne Gegenstimmen, die sich auch Gehör verschaffen können, gibt es keine Demokratie. Auf eine bestürzende Weise vergehen sich die einflussreichsten Medien an ihrer Informations- und Berichterstattungspflicht und betätigen sich als Meinungsmacher und Volkserziehungsagenturen zur Herstellung der großen Einhelligkeit. Unablässig bestärken sie die Ansicht, dass das ganze Gute auf unserer Seite, der Seite der westlichen Allianz, ist und das ganze Böse jenseits der Demarkationslinie. Versöhnung aber beginnt damit, den eigenen Anteil daran, dass es so weit hat kommen können, redlich zu erforschen und dann auch zu bekennen. Der Papst hat zu Beginn des Krieges die Frage aufgeworfen, ob der völkerrechtswidrige Angriff auf die Ukraine etwas zu
tun habe mit dem „Bellen der NATO vor den Türen Russlands“. Er hat dafür einen Sturm der
Empörung geerntet. Aber nicht diese Frage ist gefährlich für den Bestand der westlichen
Demokratien, sondern ihre Unterdrückung.

„Die Suche nach Wahrheit kann nur gedeihen auf dem Nährboden gegenseitigen Vertrauens.“ (Ivan Illich) Es macht das Wesen des Vertrauens aus, dass es nur dann entstehen und sich bewähren kann, wenn man es wagt. Und die Frage, wer den ersten Schritt tun muss, stellt sich nicht. Es kommt nur darauf an, dass er getan wird.

Wir laden alle ein – seien sie alt oder jung oder irgendwo dazwischen – die darauf bestehen, Andersdenkende zu sein und ihre Haltung im Gespräch mit Andersdenkenden immer neu auf die Probe zu stellen. Eröffnen wir das generationenübergreifende, ungegängelte Gespräch, wo immer sich Gelegenheit bietet oder herstellen lässt. Lassen wir uns von Denkverboten nicht einschüchtern, geben wir der Sehnsucht nach dem Frieden eine Stimme.

Marianne Gronemeyer und Reimer Gronemeyer