10. Mai 2021

Nachhaltigkeit und Welterschöpfungstag

Pressemitteilung
Bozen, 10.05.2021

13. Mai 2021. Ein Datum, das zum Nachdenken zwingt. Es ist der für Italien für das Jahr 2021 berechnete Earth Overshoot Day. Der Earth Overshoot Day, auch als Welterschöpfungstag bezeichnet, wird vom Global Footprint Network berechnet und gibt das Datum an, an dem ein Land alle biologischen Ressourcen verbraucht hat, die während des gesamten Jahres erneuert werden können. Von den Ressourcen her gesehen, leben wir ab diesem Datum auf Pump.

Im Rahmen eines Webinars zum Thema „MAKE EARTH GREAT AGAIN – Nachhaltigkeit: Zauberformel oder
Rettungsboot?“ haben sich die Mitgliedsorganisationen des Katholischen Forums mit konkreten
Möglichkeiten und Initiativen eines nachhaltigen Lebens und Wirtschaftens auseinandergesetzt. Impulse für die Diskussion kamen von Klaus Egger, dem Nachhaltigkeitsbeauftragten der Landesregierung, Reinhard Feichter von der Initiative „Zukunftspakt Südtirol“ und von Giorgio Nesler vom „Netzwerk Nachhaltigkeit“. Nachdem im September 2015 die Generalversammlung der Vereinten Nationen mit der Agenda 2030 die Sustainable Development Goals (SDGs) für alle UN-Mitgliedsstaaten beschlossen hat, ist soziale, wirtschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit zu einem zentralen Politikfeld geworden. Die Agenda 2030 mit den Nachhaltigkeitszielen hat die Hausaufgaben für die Politik deutlich formuliert. Nicht zuletzt war es der Schock durch die Corona-Pandemie, der die Forderung nach einer nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsweise mit zusätzlicher Dringlichkeit versehen hat. Wie im Webinar deutlich wurde, gibt es auch in Südtirol bereits viele Schritte zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele, sowohl auf politischer Ebene als auch durch viele Initiativen der Zivilgesellschaft.

Trotzdem kann nicht übersehen werden, dass das grundlegende Denkmuster der Agenda 2030 immer noch das Wachstumsmodell der westlichen Welt ist, das allerdings mit verbessertem und effizienterem technischem Einsatz und besserem Management im sozialen, ökonomischen und ökologischen Bereich überlebensfähig gemacht werden soll. Ob das langfristig trägt? Im selben Jahr, im Juni 2015, ist noch ein anderes Dokument erschienen: die Enzyklika Laudato si` von Papst Franziskus, „Über die Sorge um das gemeinsame Haus“. In diesem Dokument geht es nicht um ein wie immer geartetes Systemmanagement, sondern um Umkehr und das Anerkennen von Grenzen. Es ist die Einladung zu einer freudigen Genügsamkeit, die unsere Welt so dringend braucht.

21. März 2021

Stellungnahme zum Responsum ad Dubium der Glaubenskongregation

Pressemitteilung des Katholischen Forums
Bozen 20.03.2021

Zum Responsum ad dubium der Kongregation für die Glaubenslehre über die Segnung von Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts.

Es hat in den vergangenen Tagen viele kritische Stellungnahmen zum vatikanischen Responsum ad dubium gegeben, von Laienorganisationen, aber auch von Vertretern der Kirche bis hinauf zu den Bischöfen.

Als Katholisches Forum haben wir zu diesem Responsum nichts mehr zu sagen,

- weil es uns die Sprache verschlägt,
- weil ein Diktat kein Gespräch zulässt,
- weil wir nicht verstehen, warum ein Segen für zwei Personen und ihr gemeinsames Leben verweigert werden kann,
- weil uns die Gewissheit, über die Pläne Gottes so genau Bescheid zu wissen, irritiert,
- weil das Sakrament der Ehe ja durch eine erbetene Segnung eines gleichgeschlechtlichen Paares nicht angetastet wird,
- weil es ein Dokument der Lieblosigkeit ist,
- weil…
Für uns ist weiterhin die Botschaft des Apostel Paulus leitend: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. (1. Kor. 13,13).

10. Februar 2021

Das Netz des sozialen Friedens ist zerbrechlich

Pressemitteilung des Katholischen Forums
Bozen, 10. Februar 2021

Das Netz des sozialen Friedens ist zerbrechlich

Die medial übermittelten Bilder von der Versammlung der „Freien Bürger“ vor dem Landhaus am vergangenen Sonntag sind noch frisch. Erinnerungen an die Erstürmung des Kapitols in Washington Anfang Jänner tauchen auf. Gemeinsam ist beiden Anlässen eine offen zum Ausdruck gebrachte Wut. Zielscheibe der Wut sind „die da oben“, verantwortlich für alles, was nicht gut geht.
Die derzeitige Situation der anhaltenden Pandemie ist schwierig, ja für bestimmte Berufsgruppen, für Familien, für Kinder und Jugendliche oder Arbeitslose extrem schwierig. Wie durch ein Vergrößerungsglas werden soziale Nöte, Brüche und Verwerfungen in dieser lang andauernden Krise mit einer kaum gekannten Deutlichkeit sichtbar. Der Unmut der Betroffenen ist verständlich, das Vertrauen in die Kompetenz der Politik scheint mehr und mehr zu schwinden.
In dieser schwierigen Situation erscheint uns der gesellschaftliche Zusammenhalt als eine Grundvoraussetzung, um die großen Herausforderungen, die diese Pandemie zweifellos für alle darstellt, bewältigen zu können. Von Wut und Hass erfüllte Tiraden gegen demokratisch gewählte Personen und Institutionen, menschenverachtende Botschaften in sozialen Medien und digitalen Foren sind Gift für das zerbrechliche Netz des sozialen Friedens. Dafür gibt es keine Rechtfertigung.
Das Katholische Form, die Vereinigung von fünfzehn Laienorganisationen, sieht die zunehmende Verrohung im öffentlichen Diskurs mit großer Sorge. Demokratie lebt vom Streit und von der harten Auseinandersetzung in der Sache. Rationale Auseinandersetzung erfordert allerdings mehr Anstrengung als emotionale Schuldzuschreibung. Die Pandemie hat uns noch im Griff, doch es wird eine Zeit nach der Pandemie kommen. Es geht für die politischen Vertreter darum, das Gespräch mit den Entmutigten und Enttäuschten dort nicht abbrechen zu lassen, wo es noch eine gemeinsame Basis für ein Gespräch gibt. Ein Aufruf ergeht aber an uns alle: nicht leichtfertig über mediale Hassbotschaften und öffentliche Hetze hinwegzusehen, sondern zu einer maßvollen und konstruktiven Gesprächskultur beizutragen. Dies ist unabdingbar für das Durchstehen der Pandemie und für ein gutes Leben danach.

1. Januar 2021

Einladung zum Umdenken. Aufruf zum Jahreswechsel

Das zu Ende gehende Jahr 2020 hat uns in einer bisher nicht gekannten Deutlichkeit herausgefordert und uns mit unserer Begrenztheit und Endlichkeit konfrontiert. Die schmerzvollen Erfahrungen der sozialen Isolation, der Unterbrechung vieler Lebensgewohnheiten, von seelischen Nöten und wirtschaftlicher Unsicherheit, auch von Krankheit und Tod, laden uns ganz im Sinne des diözesanen Jahresthemas ein, innezuhalten und die ins Wanken gekommenen Selbstverständlichkeiten nüchtern in den Blick zu nehmen. Dabei wird deutlich werden, dass die Pandemie vor allem auch die bereits vorhandenen Bruchstellen, Schieflagen und Verwerfungen in unserer Gesellschaft sichtbar gemacht hat.

Vor diesem Hintergrund rufen wir am Beginn des neuen Jahres dazu auf,

- die so viel beschworene „Normalität“ mit sozialer Ungleichheit, ungehemmtem Weltverbrauch,
verbreiteter Orientierungslosigkeit und seelischer Verwahrlosung hinter uns zu lassen und nach einem anderen Lebens- und Gesellschaftsmodell zu suchen, dessen Haltepunkte Gastfreundschaft, Genügsamkeit und das Anerkennen von Grenzen sind;
- unsere Sinne offenzuhalten für die Nöte des Anderen, solidarisches Handeln einzuüben, sich persönlich berühren zu lassen vom Hilferuf der Notleidenden und Schwachen und die notwendende Hilfe nicht nur an Organisationen und Institutionen zu delegieren;
- beizutragen zu einer Entgiftung der sprachlichen Verrohung im gesellschaftlichen Diskurs, in der politischen Auseinandersetzung und der medialen Vervielfältigung von Hassbotschaften, Verschwörungserzählungen und Pöbeleien;
- den Respekt vor den demokratischen Einrichtungen immer wieder einzufordern und zu pflegen und nach neuen Möglichkeiten der Mitwirkung in der Gestaltung unserer Gesellschaft zu suchen;
- eine Haltung der Wertschätzung und Dankbarkeit für die Möglichkeiten der Bildung, die Geschenke von Kunst und Kultur und die Schönheit der Natur an den Tag zu legen;
- die Fragen des Glaubens und die Frage nach Gott in unserer Zeit nicht verstummen zu lassen und Wege zu einer echten Geschwisterlichkeit in Kirche und Welt mutig zu beschreiten;
- das Bewusstsein der Endlichkeit des Lebens wachzuhalten, das Bewusstsein für die Würde und den Sinn von Leidenserfahrungen ebenso wie für das Sterben und den Tod.

Die Erfahrungen des zu Ende gegangenen Jahres haben uns gezeigt, dass die Zukunft nicht einfach eine Fortschreibung des Bestehenden und des Bisherigen ist. Neues und nicht Vorhersehbares tritt plötzlich in unsere Zeit. Dies bleibt ein Kontrapunkt zur zweckrationalen Planung und Organisation unseres wissenschaftlich-technischen Weltgefüges. Das kann uns verunsichern. Es kann uns aber auch ermutigen, offen zu sein für Überraschungen und die Kraft zum Umdenken aufzubringen, auch und gerade jetzt, am Beginn eines neuen Jahres.

Bozen, am Jahreswechsel 2020/2021